Nur eines ist auf der Welt gerecht verteilt: Die Vernunft. Weil nämlich ein jeder denkt, er sei solide damit ausgestattet.

Im Morgengrauen am Flughafen Basel. Im bunten Sommerkleid und leichten Sandalen rolle ich meinen Koffer in Richtung Check-In. Ich reise nach Split. 90 Minuten nach dem Start werde ich mein Ziel erreichen. Die Fähre zur Insel Brac werde ich damit planmäßig bereits um acht Uhr besteigen. Ich kann schon das Meer riechen, auch Lavendel, Lorbeer und die Immortellen. Ich werde noch vor Beginn der sengenden Hitze ankommen, die mich am Nachmittag Siesta machen lässt – dieser schöne, meditative Zustand des vollkommenen Seelenfriedens und der körperlichen Entspannung. Ich werde die ganze Welt umarmen können. Mein Gepäck ist auf das Nötigste reduziert, denn Kofferpacken ist eine gute Gelegenheit, zu trainieren, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Der Inhalt eines jeden Koffers spiegelt das Psychoprofil seines Besitzers wider, Absichten, Reiseziel, aber auch Alter, Gesundheitszustand, Fitness, kulturelle Interessen, Bildungsgrad, Hygienegewohnheiten, seinen sozialen Status und Zivilstand. «Zollbeamten haben einen interessanten Beruf» denke ich, während ich in der Schlange vor dem Schalter stehe. Nun gebe ich meinen Reisepass und das online gebuchte Ticket ab. Den Koffer schwinge ich auf das Förderband und sehe «19,9 kg» auf der Anzeige. Es ist also alles in Ordnung. Dennoch sieht mich die Angestellte etwas seltsam an. Sie scannt meine Karte erneut, tippt etwas ein, schüttelt den Kopf – und wiederholt den Vorgang sehr konzentriert.

«Sieht so aus, als wäre Ihr Flug nach Split gestern gewesen.»

«Wie, gestern?»

«Es tut mir leid, aber der Flug nach Split war am dritten Juli, sprich gestern, Samstag. Heute, Sonntag, fliegen wir nach Barcelona. Sie hätten also gestern um diese Zeit reisen sollen!»

Ich schaue auf die Bordkarte wie auf einen Papyrus voller Hieroglyphen. Ganz langsam klärt sich der Blick und offenbart schwarz auf weiss, Datum und Namen des Vollidioten. Verstört und wacklig nehme ich meinen Koffer und schleppe mich zurück zum Eingang, wo mir mein Mann gerade zum Abschied winken wollte.

«Der Flug war gestern», flüstere ich, noch immer ungläubig.

«Ich werde jetzt nichts sagen oder fragen», erwidert er.

«Danke! Fahren wir nach Hause.»

Auf dem Rückweg nach Baden ist der Himmel mit Wolken verhangen, aus denen Regen strömt. Wir schweigen beide. An mir nagt schlechtes Gewissen. Vor einer Woche fragte mich mein Mann nämlich ganz nett, ob ich sicher sei, dass der Flug am Sonntag ist. Er wollte sogar vorsichtshalber die Bordkarte sehen, worauf ich ihn anzischte «Bin ich denn ein Analphabet?». Es handelt sich hier also nicht nur um Leseschwäche, sondern auch um Oberflächlichkeit und Arroganz. Das habe ich nun davon. Nach kurzer Fahrt sind der Koffer und ich wieder zu Hause. Was nun? Den nächsten Flug nach Split gibt es erst am Mittwoch, dadurch hätte ich drei Ferientage verloren und spöttische Blicke eingefangen. So greife ich zum Telefon und rufe unsere Busunternehmen an. Es sieht aus, als müssten ausgerechnet heute alle zur See fahren. Schliesslich höre ich:

«Wir haben noch einen freien Sitzplatz, direkt hinter dem Fahrer. Nach Split müssen Sie aber leider in Zagreb umsteigen.»

«Okay, gut» sage ich, und denke «Pech, und Schwefel!».

Dann ziehe ich ein sportliches Outfit an, mein Mann befördert den Koffer wieder ins Auto und fährt mich nach Zürich. Mit ernster Miene bringt er mich zum Bus, legt mir drei Kissen zum Polstern empfindlicher Körperteile unter, Proviant und Decke griffbereit. Wir verabschieden uns hastig. Er winkt vom Perron, doch wenn ich richtig sehe, grinst er von einem Ohr zum anderen. Mir hingegen laufen Tränen über die Wangen. Der Busfahrer merkt, dass hinter ihm jemand heult: «Nicht weinen, meine Dame, Sie werden ihn bestimmt bald wiedersehen!», worauf ich ihm meine Geschichte erzähle. Er hat Mitleid und sagt, er könne mir vielleicht mein Schicksal etwas erleichtern. Und wirklich, sobald wir die kroatische Grenze überquert haben, ruft er einen Kollegen an, der aber bereits von Zagreb aus in Richtung Split gestartet ist. Sie einigen sich darauf, mich an einem Rastplatz vom einen in den anderen Bus umsteigen zu lassen. Am besagten Punkt lädt mich der freundliche Busfahrer aus, wünscht mir viel Glück und lässt mich mutterseelenallein an der Raststätte zurück. Die Wartezeit zieht sich jedoch in die Länge, mir gehen alle möglichen Horrorszenarien durch den Kopf. Ob ich nun die Reise per Anhalter fortsetzen muss? Endlich taucht aber mein neuer Bus doch noch auf. «Sind Sie die Passagierin nach Split? Tut mir Leid, dass Sie etwas warten mussten, wir standen im Stau!», begrüsst mich der Chauffeur.

Und so erreiche ich endlich, nach 18 Stunden erschöpft und zerknittert, doch noch Split, werde von meinem Bruder erwartet und zur Fähre gebracht. Seither lasse ich übrigens meine Reisedaten gern, freiwillig und rechtzeitig durch eine Drittperson überprüfen…

Quelle: Libra 50

Text und Übersetzung: Sibila Knežević