Kaum jemand engagierte sich so stark für die Förderung von kroatischer Sprache und Kultur wie Alida Bremer. Sie wurde in Split geboren, verbrachte ihr Leben jedoch zum grössten Teil in Deutschland, in der Stadt Münster. Sie studierte vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik. Nach dem Erwerb des Doktortitels arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin an den Universitäten in Münster und Giessen. Sie übersetzte zahlreiche Werke aus dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen, sie ist Herausgeberin mehrerer deutschsprachiger Anthologien kroatischer Literatur und erhielt mehrere prestigeträchtige Auszeichnungen. Besonders hervorzuheben ist ihre Leitung des Projektes «Kroatien als Schwerpunktland zur Leipziger Buchmesse 2008».

Bremer veröffentlichte auch zwei Romane. Olivas Garten erschien 2013, wurde 2015 als Olivino nasljeđe ins Kroatische übertragen. Träume und Kulissen, wie auch die kroatische Übersetzung Snovi i kulise, erschienen 2022.

Das erste Buch ist die Geschichte der dalmatinischen Partisanenfamilie der Mutter der Autorin, vor allem des weiblichen Teils davon. Es beschreibt die familiären und bürokratischen Verwicklungen im Zusammenhang mit einem geerbten Olivenhain in Vodice, an der kroatischen Küste. Die Handlung des zweiten Romans spielt in Split, während sieben Tagen des Jahres 1936. Mit Hilfe der Ermittlungen in einem Mordfall werden die Atmosphäre und die Ereignisse am Vorabend des Zweiten Weltkriegs dargestellt. Damals drehten deutsche Filmemacher in Split, diese sind mit geschichtlichen, politischen, Liebes- und kriminalistischen Elementen verwoben. In der mediterranen Atmosphäre der immer beliebter werdenden Stadt spürt man das Aufkommen des Faschismus und des Kriegs. In beiden Werken illustriert die Autorin ernste historische Ereignisse mit interessanten Beobachtungen und mit viel Humor.

In Ihren Romanen beschreiben Sie die Ereignisse in Ihrer Heimat Kroatien, aber in deutscher Sprache. Liegt Ihnen Deutsch näher, weil Sie vorwiegend in Deutschland leben, oder lohnt es sich eher, für den deutschen Markt zu schreiben, oder …?

Wenn ich über Sprache nachdenke, dann ist Kroatisch ganz eindeutig meine die erste, unersetzliche Sprache, wenn es um meine Gefühle und meine Erinnerungen geht. In die deutsche Sprache jedoch habe ich viele Jahre lang Arbeit und Mühe investiert, und so wurde sie zu meiner Sprache für Vernunft und Wissen. Deutsch ist auch meine erste Literatursprache, da ich meist auf Deutsch lese und auf Deutsch übersetze. Durch die Übersetzungen kristallisierte sich die Deutsch als meine Schreibsprache heraus, durch das Übersetzen stellte sich mein Gehirn darauf ein, mich auf Deutsch auszudrücken. Beim Übersetzen sucht man sehr konzentriert nach dem treffendsten Ausdruck, meist kann man aus mehreren Möglichkeiten wählen, und dadurch wird das Bewusstsein für die Möglichkeiten der Zielsprache geschärft. Natürlich ist der deutsche Markt profitabler, die potenzielle Leserschaft grösser. Aber dies war kein wichtiger Grund für meine Wahl. Wichtig ist mir aber, dass ich meine kroatischen Geschichten im Umfeld, in dem ich lebe, also in Deutschland, erzählen will.

Ihre beiden Bücher wurden ins Kroatische übertragen und vom Zagreber Verlag Fraktura herausgegeben. Sind Sie mit den Übersetzungen zufrieden? Hätten Sie selbst etwas anders ausgedrückt?

Das Verlagshaus Fraktura ist eines der besten in Kroatien und bekannt durch die Zusammenarbeit mit hervorragenden Übersetzerinnen und Übersetzern. So wurden auch meine Romane von exzellenten Übersetzerinnen mit erstaunlicher Kenntnis der deutschen Sprache übersetzt. Ich bin mit den Übersetzungen sehr zufrieden. Aber interessant dabei ist, dass ich sie als Übersetzungen und nicht als meine eigenen Texte empfinde. Sicherlich hätte ich manches anders ausgerückt, aber nicht unbedingt besser. Wenn man selbst schreibt oder liest, bemerkt man vieles nicht, Zweideutigkeiten oder Unklarheiten werden unbewusst übersehen. Beim Übersetzungsprozess hingegen sieht man viel mehr als beim einfachen Lesen.

Mein Roman «Träume und Kulissen» wurde auch auf Englisch übersetzt, er wird im November dieses Jahres in den USA erscheinen. Darauf bin ich sehr stolz, denn es ist nicht leicht, im amerikanischen Markt Fuss zu fassen. Der englische Titel wird einfach «Split» lauten – die Übersetzerin spielte mit dem Namen der Stadt und der englischen Bedeutung des Wortes. Auch diese Übersetzung nahm ich als fremden Text wahr und bewunderte dabei ihre Deutschkenntnisse. Im Englischen klingt der Roman eigenartig, mir gefiel er sogar besser als auf Kroatisch oder Deutsch. Wahrscheinlich war ich deshalb euphorisch, weil er in dieser Sprache in der ganzen Welt gelesen werden kann.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie eine Übersetzung Ihres Textes lesen?

Ich freue mich, denn ich nehme meinen eigenen Text plötzlich wie durch eine fremde Stimme wahr, ich erlebe die Geschichte wie aufs Neue, sehe sie mit völlig anderen Augen und fange an, zu begreifen, wie andere mich lesen. Dadurch öffnen sich neue Aspekte meines eigenen Texts. Das ist auch sonst eine Besonderheit der Literatur – in jedem literarischen Text steckt mehr Bedeutung, als dem Autor selbst klar ist, und mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Sie sind selbst als Übersetzerin aktiv. Wählen Sie selbst aus, was Sie übersetzen, oder wird das vom Verlag entschieden?

Meistens werde ich vom Verlag engagiert. Früher wählte ich selbst Werke aus und bot sie den Verlegern an, was ein ziemlich schwieriger und steiniger Weg ist. Ich bereitete Portfolios mit den Biografie von Autorin oder Autor vor, der Beschreibung des Buches, Zitaten von Kritikern und Rezensenten und einer Probeübersetzung, und hoffte darauf, bei einem Verlag damit Interesse zu wecken. Dies war jedoch nicht einfach und nur sehr selten erfolgreich. Ich machte mir damals eine riesige Arbeit, die sich keineswegs lohnte. Heutzutage frage ich mich, woher ich den Enthusiasmus dafür hernahm. Wahrscheinlich geht das nur, so lang man jung ist oder keine andere Wahl hat. Das war meine erste Pionierleistung, um der kroatischen Literatur den Weg in die deutsche Sprache zu weisen. Mehr Erfolg hatte ich mit dem Auftritt Kroatiens auf der Leipziger Buchmesse 2008, den ich damals initiierte, organisierte und leitete. Der deutsch-ungarische Schriftsteller György Dalos, der am 28. März dieses Jahres für sein Lebenswerk in Berlin mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet wurde, war mir dabei eine grosse Hilfe.

Nach dem Auftritt in Leipzig, der viele Schriftsteller aus Kroatien versammelte und wo 40 verschiedene Publikationen (Romane, Essays, Gedichtsammlungen, Anthologien, besondere Zeitschriften-Ausgaben usw.) präsentiert worden waren, war die Bahn frei, denn danach gab es keinen deutschen Verlag mehr, der nicht darüber informiert war. Heutzutage melden sich Verleger bei mir und bieten mir Bücher zur Rezension oder Übersetzung an. Die Autorinnen und Autoren, die ich regelmässig übersetze, sind ohnehin in ständigem Kontakt mit mir und mit ihren Verlegern, wodurch alles viel einfacher ist.

Wie Sie in einem Interview im Jahr 2015 erklärten, wurde Olivas Garten in Deutschland gut aufgenommen, sorgte gleichzeitig aber auch für Erstaunen. Die Kroaten werden in der deutschen Öffentlichkeit negativ wahrgenommen, da sie nur als Diener der Nationalsozialisten bekannt sind. Nur die Serben sind als Partisanen anerkannt, die edel und mutig gegen Nazis kämpften. Sie sagten damals: «Eine Widerstandsbewegeng, auf der zum Beispiel die Franzosen ihre Reputation in der europäischen Geschichte über den Zweiten Weltkrieg aufbauen, ist im öffentlichen Diskurs in Deutschland mit Kroatien unvereinbar. Vereinbar ist sie nur mit Jugoslawien. Da man weiss, dass sich die Kroaten stark von diesem Staat distanzierten, werden alle Verdienste für die Widerstandsbewegung und die Gründung einer Vielvölker-Gemeinschaft den Serben zugeschrieben. Als die überwältigende Mehrheit der Deutschen auf die NS-Verbrechen aufmerksam wurde und sich bewusst, unter- oder unbewusst von dieser Zeit distanzierte, wirkte sich das auch stark auf die Kroaten aus, denen es weder gelang, sich ihre Zwiespältigkeit im Zweiten Weltkrieg selbst zu erklären, den anderen noch weniger, noch die kroatische Rolle im Partisanenkrieg und in der Gründung des sozialistischen Jugoslawien zu betonen. … Es gibt Historiker oder Politologen in Deutschland, die über das alles Bescheid wissen, umso mehr erstaunt es, dass dieses einseitige Bild Kroatiens in der deutschen Öffentlichkeit verbreitet ist.» Sie betonen, dass die verschwiegene, unterdrückte und verzerrte Geschichte eine der Schwächen der heutigen kroatischen Gesellschaft ist. Hat sich die Wahrnehmung Kroatiens in Deutschland inzwischen verändert?

Dies ist ein grosses Thema, das selten erwähnt wird. Eigentlich kenne ich, ausser mir selbst, niemanden, der in dieser Weise über dieses Thema spricht. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine erinnert mich intensiv daran. Vor kurzer Zeit hatte ich die Gelegenheit, an einem Festival in Berlin mit zwei Kollegen aus Polen und der Ukraine zu sprechen, die ähnliche Probleme kennen. Aber im Gegensatz zur Situation Kroatiens war ihre Situation besser bekannt, da in der Vergangenheit auch mehr über diese Länder diskutiert und veröffentlicht wurde. Dabei wurde mir klar, wie unbekannt, und weitgehend tabuisiert dieses kroatische Problem ist. Es handelt sich um Narrative und Stereotypen, die sich nur schwer ändern lassen, sobald sie einmal etabliert sind, und die oft aus einem Gemisch verschiedener Umstände entstehen.

Diese Narrative sind teilweise hausgemacht. Das bedeutet, dass die Grundlage für bestimmte Vorurteile im Land selbst geschaffen wurde. Im Falle Kroatiens entstanden diese durch die Spaltung der kroatischen Identität und vielen Wunden, die aus der kroatischen Geschichte stammen – nicht nur aus der aktuellen, sondern auch aus der Geschichte von mehreren Jahrhunderten. Zum Teil sind solche Narrative aber auch Fremdprodukte, durchmischt mit politischen, ideologischen und propagandistischen Diskursen, die irgendwo ausserhalb über «die Anderen», hier also über die Kroaten gemacht werden. Und uns selbst täte es gut, auch unsere eigenen Stereotypen zu überprüfen, weil die ja doch meistens falsch sind, und zu versuchen, differenzierter über «die Anderen» zu denken.

Besonders wichtig ist es, sich den Stereotypen zu widersetzen, wenn sie zur Propaganda werden, wenn sie Teil einer politischen Agenda sind. Widerstand leisten gegen Stereotype kann niemand ausser demjenigen, der selbst davon betroffen ist. Also liegt es an den Kroaten, sich aktiv gegen die Identifikation aller Kroaten mit der Ustascha zu wehren und sich davon zu distanzieren. Dieses Narrativ kann nur jeder für sich selbst hinterfragen, das lässt sich nicht delegieren – auch wenn es vielleicht anstrengend ist.

Was machen Sie zurzeit? Ist vielleicht ein dritter Roman in Vorbereitung, darüber würden wir uns freuen!

Ich schloss eben mehrere Übersetzungen ab. Jetzt bereite ich neue vor, die kommen aber erst im Sommer an die Reihe. Gerade jetzt arbeite ich intensiv an meinem neuen Roman, denn am 1. Juni muss ich das Manuskript einreichen.

Dafür bekam ich ein Stipendium der Berliner Akademie der Künste, welches mir einen Aufenthalt in New York ermöglichte. Ich folgte dort den Spuren zweier Auswanderer – der eine hiess Ante Matijaca und war Arzt aus Kastel Luksic, der andere war Nikola Tesla; die beiden kannten sich. Matijaca verfasste eine Studie über medizinische Elektrotherapie, die er Tesla widmete. Mit Hilfe dieser beiden Charaktere spreche ich über das Exil, Freundschaft im fremden Land, Heimweh, Möglichkeiten der Rückkehr, aber auch über Wissenschaft und Politik. Beide waren faszinierende Persönlichkeiten. Da man über Tesla viel mehr weiss, wurde Matijaca zur Hauptfigur des Romans. Dessen autobiografische Notizen wurden mir von seiner Enkelin zur Verfügung gestellt.

Quelle: Libra 53

Interview und deutsche Übersetzung: Vesna Polić Foglar

Foto: Thomas Mohn