Der kroatischen Gemeinschaft in der Schweiz ist Igor Zrno als Händler regionaler kroatischer Weine nicht unbekannt, er ist der Kopf hinter dem Projekt «Mirakul Weine». Ich traf mich mit ihm aber vor allem wegen seiner besonderen und interessanten Lebensgeschichte. Wir trafen uns in einer gemütlichen Brasserie im Zentrum Altstettens, unweit seines Arbeitsplatzes in der Autogarage Emil Frey. Wir sprachen über sein Leben, das ihn bereits zum zweiten Mal aus Cavtat in die Schweiz brachte.

«Mein Vater kam in den 80er-Jahren hierher», fängt Zrno seine Geschichte an. «und als der Krieg Dubrovnik erreichte, holte er uns zu sich. Wir lebten damals nicht in Zürich, sondern in Davos, wo mein Vater einige Jahre in der Gastronomie gearbeitet hatte. Ich war damals noch ein Kind und war mit Kroatien, mit meinem Cavtat verwurzelt. Die Erfahrung der Flucht vor dem Krieg war für mich surreal. Wir flohen vor den Bomben und konnten so unsere Haut retten. Aber aus der Kindheit gerissen zu werden, in ein Land und in ein Leben gezwungen zu werden, das völlig anders und unbekannt ist, das hinterlässt Spuren. Man kennt die Sprache nicht, hat keine Freunde, versucht sich selbst zu finden, und das noch in diesem Alter… Die Anpassung war schwierig, nichts fühlte sich für mich dauerhaft an. Es half auch nicht, dass wir immer wieder darüber sprachen, dass wir auf das Ende des Kriegs warteten und darauf, endlich zurückkehren können. Aber eben, dieses «wir werden zurückkehren» dauert bei meinem Vater nun schon 40 Jahre, obwohl der Krieg ist seit fast 30 Jahren vorbei ist.» So erzählt er mir schmunzelnd und in einem Atemzug über den wohl schwierigsten Abschnitt in seinem Leben.

Nach der Volksschule in Kroatien absolvierte Zrno in der Schweiz eine Carrosseriespengler-Lehre. Hier lernte er auch seine Frau kennen, die ebenfalls aus Kroatien stammt. Sie bewegten sich in die gleiche Richtung wie viele andere auch, die auf der Suche nach einem besseren Leben hierhergekommen waren, aber davon träumten, zurückzukehren, sobald die Situation es zuliesse. Es zeigt sich schnell, dass Igor kein geduldiger Mensch ist. Die Energie, die er als Mensch ausstrahlt und die ihn zur Arbeit und zum Weiterkommen antreibt, liess ihn auch das Versprechen aus seiner Kindheit, die Rückkehr, einlösen.

«Um das Jahr 2009 war ich völlig überfordert», erzählt er weiter. «Ich sagte meiner damaligen Frau, dass all dies keinen Sinn mehr macht. Der Stress, dass wir ständig hinter dem Geld herrennen mussten, verzehrte uns. Mir schien, dass das Leben an mir vorbeizog, während ich Rechnungen bezahlte – es war, als ob ich um Luft ringen müsste. Das war kein Leben mehr, nur noch Überleben. Wir hatten zwei Kinder, also wesentlich mehr Leute als damals, als wir jung waren. Man weiss, wie es mit einer Familie ist: Es folgen hohe Ausgaben – für eine grössere Wohnung, die Kindertagesstätte, Steuern, Krankenkasse. Der Lohn in der Schweiz war zwar gut, aber die Ausgaben haben uns erdrückt. Das soziale Leben, das wir hatten, als wir jünger waren, fand schon gar nicht mehr statt, seit die Kinder da waren. In Cavtat hatte ich noch mein Haus, und meine Ausbildung konnte mir niemand wegnehmen. Arbeit ist mir nicht fremd – zog ich Bilanz und sah, dass ich vermutlich auch unten leben könnte, sogar mit einer etwas höheren Lebensqualität als hier. Die Kinder waren noch deutlich jünger als ich damals, als wir in den 1990er-Jahren auswanderten, deshalb fiel ihnen die Eingewöhnung, ohne Sprachbarriere und Kulturschock, auch leichter. Den jüngeren Sohn meldete ich für den Kindergarten an, den Älteren für die Schule. Ich selbst fand sehr schnell eine Stelle als Werkstattleiter bei einem Freund in einer grossen Autowerkstatt. Alles fügte sich gut zusammen».

Während er erzählt, wie leicht ihm die Entscheidung fiel, mit der Familie nach Kroatien zurückzukehren, muss ich ihn natürlich auch danach fragen, warum er seinen Kindern eine Ausbildung in der Schweiz vorenthielt.

«Ich war dort und auch hier in der Schule, wie meine Kinder auch. Ich erlebte sie in verschiedenen Phasen: Wie sie aufwuchsen, wer sie erzog, mit wem sie befreundet waren, und schliesslich auch, in welchen Verhältnissen sie nun leben. Ich finde, das schweizerische Bildungswesen gibt es so, wie du es dir vorstellst, gar nicht mehr. Hier, wie überall sonst auch, hinkt das Bildungssystem stets hinterher. Die Art, wie Noten vergeben werden, ist völlig daneben. Es wurde nicht modernisiert und an die Kinder angepasst. Nehmen wir die Strasse als Beispiel für Wissen oder als Art einer allgemeinen Kultur: Wenn ich höre, wie die heutigen jungen Leute miteinander sprechen, klingt das nach gar nichts. Vergleicht man das erste bis sechste Schuljahr hier mit Kroatien, dann wirst du sehen, dass das Allgemeinwissen unten breiter ist. Hier sehen die Kinder bis zur dritten Klasse fast keine Noten. In Kroatien hingegen haben die Kinder Erdkunde, Geschichte, und haben damit bereits die halbe Welt kennengelernt. Hier wie unten wird die Hochschulbildung vorangetrieben. Berufslehre und Fachberufe werden stark vernachlässigt. So kommt man zu einem System, in dem ein grosser Teil der Bevölkerung zwar eine Hochschule besucht hat, aber als Kellnerin oder Kellner arbeiten muss, an der Reception, oder als angelernte Köchin oder Koch. Ausgebildeten Berufsleuten hingegen, die von der Arbeit ihrer Hände leben, geht es besser. Wenn es nach mir ginge, sollte man mehr Zeit dafür aufwenden, die Kinder zum Handwerk zurückzubringen und sie auf diese Weise zu Fachleuten zu machen. Mit diesem Gedanken spielte ich, als ich nach Kroatien zurückkehrte

Wir kommen auf die Schweizer Qualität zu sprechen. «Auch das verliert sich langsam. Früher liess man etwas, das nicht hundertprozentig stimmte, nicht durchgehen. Heute geht etwas auch durch, wenn es nur 60 oder 70 % erfüllt. Bei mir gibt es das nicht, weil ich aus einem anderen System komme, aus der alten Schule der schweizerischen Werte. Aber ich sehe auch, dass dies überall geschieht – alles wird schlimmer. Es fehlt an Fachleuten, aber alle kommen und arbeiten irgendetwas. Man muss bereits in der Schule damit anfangen, denn die Kinder sollten schon früh Arbeitsgewohnheiten lernen. Ich denke, dass hier das kroatische Bildungssystem im Vorteil ist, denn das schweizerische ist besonders durchlässig. Dafür haben die Leute unten haben mit anderen, lebenswichtigen Problemen zu kämpfen.»

Je länger wir miteinander sprachen, desto stärker fühlte ich, dass Igor sich dem Süden Kroatiens am stärksten zugehörig fühlt. Er zeigt mir Fotos seines Hauses, in dem er Appartements eingerichtet hat. Vom Wohnzimmer aus überblickt er ganz Cavtat. Er erzählt mir von seinen Ideen für den Tourismus, über das Essen und die Weine der Region. Diese motivierten ihn dazu, in «Mirakul Weine» einzusteigen. Er spricht auch über die Art des Soziallebens in Kroatien, das ihm so viel besser liegt. In seiner Gesellschaft, mit seinen Erzählungen und in diesem Ambiente fühle ich mich beinahe so, als wären wir zwei alte Bekannte in einem Café an der Adria anstatt in Zürich.

«Was soll ich dir sagen, die Ehe kann für zwei Menschen manchmal auch zu einer Zwangsjacke werden. Ich fand mich in Cavtat gut zurecht, meine damalige Frau jedoch gar nicht. Sie zog die Schweiz immer vor. 2011 bekamen wir eine weitere Tochter. Meinen und auch ihren Eltern ging es gesundheitlich schlechter, so dass wir nicht wirklich jemanden hatten, der einspringen und helfen konnte, wie damals mit den ersten beiden Kindern. Unter diesem Druck musste ich 2015 kapitulieren, und wir entschieden uns dazu, der Schweiz noch eine Chance zu geben. Ich wollte immer, dass dies für die Kinder möglichst stressfrei passiert und dachte, dass die Rückkehr für sie kein grosses Problem wäre. Die Älteren konnten bereits Deutsch, und die Jüngste war gerade mal drei Jahre alt. Für mich jedoch war die Rückkehr nicht einfach. Die unterschiedlichen Erwartungen meiner Frau und von mir führten dann doch zur Scheidung. Heute habe ich eine neue Partnerin und einen kleinen Sohn. Wenn ich ehrlich bin, denke ich, ich wäre nicht in die Schweiz zurückgekehrt, wäre ich in dieser Situation von Anfang an mit ihr zusammen gewesen

Er erzählt weiter von seiner Vision des Lebens in der Schweiz.

«Hier leben alle gut. Aber man muss immer arbeiten, wenn man bestehen will. Das soziale Leben leidet sehr darunter, weil alle auf irgendeine Art und Weise dem Geld nachrennen. Für Verabredungen oder ein Zusammentreffen mit Freunden muss man sich Wochen im Voraus anmelden, weil die Leute hier arbeiten, damit sie am Wochenende leben können. Das Gemeinschaftsgefühl, das ich in Cavtat ganz selbstverständlich erlebe, ist hier gestört. Ich weiss, wie der Winter im Süden ist, aber auch dort ist das Leben ohne Verpflichtungen, Arbeit, Schule, Hin- und Herfahren mit den Kindern, Sport, Hobby etc. nicht möglich, dennoch ist es erfüllter. Meine Arbeitszeit in Cavtat war von sieben Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags. Du weisst selbst, wie es dort ist: Die Morgendämmerung kommt früh, vor der Arbeit kannst du für ein Stündchen aufs Boot und ein paar Fische fangen, bist aber dennoch pünktlich bei der Arbeit. Am Abend nach der Arbeit nimmst du dir Zeit für Frau und Kinder, kannst mit Freunden an den Strand gehen, pflegst das Sozialleben, Gespräche, Entspannung. Dort brauchte ich keine Ferien, denn ich hatte täglich welche. Ich musste nie auf das Wochenende warten, damit ich dann leben konnte – hier lebe ich nur für das Wochenende! Man sagt, die Schweiz sei sicherer und stabiler. Aber man kann sich überall sicher fühlen. Wer nicht faul ist und gerne arbeitet, wird immer etwas haben, wovon er leben kann. Natürlich ist der Lohn hier höher – aber das hat auch seinen Preis.» So ergab sich für mich ein vollständiges Bild vom Grund seines Bleibens: Einerseits der Druck von Verpflichtungen und Schulden, andererseits die Erwartung des Tags, an dem eine Entscheidung gefällt werden kann.

«Ich bin nicht des Geldes wegen hier, sondern nur wegen meiner Verpflichtungen. Sobald ich alles zurückgegeben habe, was ich schulde bin, packe ich alles zusammen und kehre nach Kroatien zurück. Die Kinder werden dann die Gelegenheit haben, das Leben zu führen, das sie sich wünschen. Und ich kann mir selbst gegenüber ehrlich sein und so leben, wie es mir gefällt», schliesst Igor, während er mir noch einmal den goldenen Sonnenuntergang dem endlosen Meer vor Cavtat zeigt.

«Diese Appartements habe ich hergerichtet. Jetzt baue ich weitere um, mit einer Taverne und einer Terrasse. Wohin man auch blickt, ist Meer. Wenn du kochst, hast du das Gefühl, die Küche sei auf einem Schiff. Wer kann dafür bezahlen?», fragt er mich. Aber ich habe darauf keine Antwort, auch wenn ich kurz denke, vielleicht eine Schweizerin oder ein Schweizer, in den Ferien.

Quelle: Libra 53

Text: Toni Bedalov

Übersetzung ins Deutsche: Sandra Grizelj